Der Jubelant
Herr Salat überlegte in der Marschrutka zu jubeln. Er tat dies keineswegs hastig, sondern begann das Für und Wider eines fröhlichen Ausbruchs abzuwägen. Der gelbe Bus, in dem Herr Salat stand, bewegte sich nur langsam durch die hügeligen Straßen der Stadt sodass von Eile keine Rede war. Nur das routinierte Weiterreichen der kleinen Scheine bis zum Fahrer und die Weitergabe der Tickets bis in die hintersten Winkel des vollen Busses unterbrachen hin und wieder seine Gedanken. Erst vor zwei Minuten hatte Herr Salat sein Ticket erhalten. Er hatte es endlich in der Hand. Zuerst hatte er es kaum glauben können, als er die 6 Zahlen auf dem Ticket zusammenzählte und die Summe der ersten drei Zahlen mit der Summe der folgenden drei Zahlen übereinstiimmte.
Seit einem Jahr fuhr Herr Salat nun in dieser verwunschenen Stadt jeden Morgen zur Universität in der Residenz. Als international geachteter Ornithologe war er dort gern gesehen und konnte seine fünfbändige Arbeit über die Vielfalt der Vogelpopulation in der Bukowina zu Zeiten Kaiser Franz Josephs in aller Ruhe fortführen. Er hatte es gut wenn er zufrieden über die Wiederentdeckung eines seltenen Käuzchens Mittags zu Sunitschka ging. Dem Restaurant, in dem man seinen Namen kannnte und ihm ohne Worte das Wiener Schnitzel mit Kartoffelpüree und Kapusta bereitete, als wäre er gerade von der Schule gekommen und als wäre die Wirtin mit ihren dicken Brillengläsern seine Mutter. Er hatte eine schöne Wohnung in der Unterstadt, drei grosse Zimmer für sich. Morgens stand er mit seiner Tasse entkoffinierten Kaffees auf dem Balkon und schaute auf die geschäftige Strasse, durch die jeden Morgen pünktlich um acht der alte Skoda Trolleybus fuhr, der ihn an seine Zeit in Prag denken lies. Auch jetzt noch im Herbst erlaubte das aussergewöhnlich milde Wetter dieses so lieb gewonnene Ritual.
Andere Menschen kannte Herr Salat kaum. Er schätzte seine ukrainischen Kollegen und versuchte sogar mit seinem wenigen Englisch und einer Mischung aus Slowakisch und Russisch hin und wieder ein Fachgespräch. Auch mit seiner Nachbarin war Herr Salat eines abends ins Gespräch gekommen, als deren Katze sich in seiner Wohnung verlaufen hatte. Sie lachte als er ihr seinen Namen übersetzte und hinzufügte trotz seines Namens keineswegs einen höheren Salatkonsum aufweisen zu können. Diesen Witz machte er seit seinen Studienjahren in Passau. Seidtem waren dreissig Jahre vergangen.
Es war also alles irgendwie gut. Und doch wünschte sich Herr Salat insgeheim, dass ein Funken des Zaubers dieser Stadt eines Tages auf ihn übergehen möge. Die Sache mit dem Glücksticket hatte er in einem Bericht eines geschätzten österreichischen Kollegen gelesen. Obwohl ihm die Beschreibung solcher Banalitäten im Rahmen eines Fachbeitrags zuwider war, dachte er auf dem Weg zur Universität desöfteren an dieses scheinbar so nahe Glück.
Der Bus fuhrüber den Zentralplatz, bog am Schewtschenkodenkmal in die Strasse zur alten Synagoge ein und steckte fest. Herr Salat hielt das Glücksticket fest in der Hand. Er schloss die Augen und dachte an seinen sehnlichsten Wunsch. Der Bus fuhr wieder an. Gleich würde es in die Universitätsstrasse gehen.
Herr Salat versank in seinem Wunsch. Hin und wieder reichte er noch Geld nach vorne, das man ihm von hinten in die Hand drückte. Hatte ihm nicht vor langer Zeit einmal ein Freund aus Pennsylvania gesagt das Jubeln sei ein Ausdruck der Verzweiflung? Nein verzweifelt war Herr Salat nicht. Aber jetzt, genau in diesem Moment viel ihm ein was es war. Er war glücklich.
Herr Salat vergass die Welt um sich herum, und da brach es zunächst etwas lauter, dann immer leiser aus ihm heraus. Dreimal. Juhu! Juhu. Juhu...
Der Bus war mittlerweile an der Residenz angekommen. Die Marschrutka war leer. Nur der Busfahrer, der die vielen bunten Scheine zählte, war noch da und zeigte ein kaum vernehmbares Lächeln. Herr Salat richtete sich mit einem Seufzer vor der Tür auf, zupfte seinen braunen Anzug zurecht und trat hinaus. Des abends würde er mit der Nachbarin bei Sunitschka essen gehen.
Seit einem Jahr fuhr Herr Salat nun in dieser verwunschenen Stadt jeden Morgen zur Universität in der Residenz. Als international geachteter Ornithologe war er dort gern gesehen und konnte seine fünfbändige Arbeit über die Vielfalt der Vogelpopulation in der Bukowina zu Zeiten Kaiser Franz Josephs in aller Ruhe fortführen. Er hatte es gut wenn er zufrieden über die Wiederentdeckung eines seltenen Käuzchens Mittags zu Sunitschka ging. Dem Restaurant, in dem man seinen Namen kannnte und ihm ohne Worte das Wiener Schnitzel mit Kartoffelpüree und Kapusta bereitete, als wäre er gerade von der Schule gekommen und als wäre die Wirtin mit ihren dicken Brillengläsern seine Mutter. Er hatte eine schöne Wohnung in der Unterstadt, drei grosse Zimmer für sich. Morgens stand er mit seiner Tasse entkoffinierten Kaffees auf dem Balkon und schaute auf die geschäftige Strasse, durch die jeden Morgen pünktlich um acht der alte Skoda Trolleybus fuhr, der ihn an seine Zeit in Prag denken lies. Auch jetzt noch im Herbst erlaubte das aussergewöhnlich milde Wetter dieses so lieb gewonnene Ritual.
Andere Menschen kannte Herr Salat kaum. Er schätzte seine ukrainischen Kollegen und versuchte sogar mit seinem wenigen Englisch und einer Mischung aus Slowakisch und Russisch hin und wieder ein Fachgespräch. Auch mit seiner Nachbarin war Herr Salat eines abends ins Gespräch gekommen, als deren Katze sich in seiner Wohnung verlaufen hatte. Sie lachte als er ihr seinen Namen übersetzte und hinzufügte trotz seines Namens keineswegs einen höheren Salatkonsum aufweisen zu können. Diesen Witz machte er seit seinen Studienjahren in Passau. Seidtem waren dreissig Jahre vergangen.
Es war also alles irgendwie gut. Und doch wünschte sich Herr Salat insgeheim, dass ein Funken des Zaubers dieser Stadt eines Tages auf ihn übergehen möge. Die Sache mit dem Glücksticket hatte er in einem Bericht eines geschätzten österreichischen Kollegen gelesen. Obwohl ihm die Beschreibung solcher Banalitäten im Rahmen eines Fachbeitrags zuwider war, dachte er auf dem Weg zur Universität desöfteren an dieses scheinbar so nahe Glück.
Der Bus fuhrüber den Zentralplatz, bog am Schewtschenkodenkmal in die Strasse zur alten Synagoge ein und steckte fest. Herr Salat hielt das Glücksticket fest in der Hand. Er schloss die Augen und dachte an seinen sehnlichsten Wunsch. Der Bus fuhr wieder an. Gleich würde es in die Universitätsstrasse gehen.
Herr Salat versank in seinem Wunsch. Hin und wieder reichte er noch Geld nach vorne, das man ihm von hinten in die Hand drückte. Hatte ihm nicht vor langer Zeit einmal ein Freund aus Pennsylvania gesagt das Jubeln sei ein Ausdruck der Verzweiflung? Nein verzweifelt war Herr Salat nicht. Aber jetzt, genau in diesem Moment viel ihm ein was es war. Er war glücklich.
Herr Salat vergass die Welt um sich herum, und da brach es zunächst etwas lauter, dann immer leiser aus ihm heraus. Dreimal. Juhu! Juhu. Juhu...
Der Bus war mittlerweile an der Residenz angekommen. Die Marschrutka war leer. Nur der Busfahrer, der die vielen bunten Scheine zählte, war noch da und zeigte ein kaum vernehmbares Lächeln. Herr Salat richtete sich mit einem Seufzer vor der Tür auf, zupfte seinen braunen Anzug zurecht und trat hinaus. Des abends würde er mit der Nachbarin bei Sunitschka essen gehen.
andrzej kruzel - 29. Okt, 15:29

