Rummel

Ich sah Fahrgeschäfte in buntem Anstrich, im Morgenlicht des herbstliche Volksparks. Karussells, Bummelbahnen und ein Riesenrad, definitiv aus volkseigenen Zeiten. Wie stillgelegt stand alles da, nur die kleine Achterbahn machte eine Testfahrt um die Schlieren des Herbstlaubs wegzuwischen. Ich dachte an meinen Berliner Nachbarn, der sich an diesem Ort sicher wohl gefühlt hätte, auch wenn Abbilder von Urtieren fehlten. Der Czernowitzer Prater, ein wenig Spreepark im Plänterwald. Am Nachmittag würden die Kinder kommen und die Jugendlichen, die Eltern und die Alten. Sie würden Zuckerwatte essen, in Popcorntüten greifen und Luftballons aus glänzender Aluminiumfolie in ihrem Händen halten. Noch nichts von alledem zeigte sich an diesem Morgen. Meine Schritte raschelten im Laub während ich durch die hundertfach übermalten Kulissen ging. Ein verlassener Rummel im Sonnenschein? Sind es nicht diese Bilder, die man von jener Stadt kennt, die für die Ewigkeit von einem Tag im April 1986 erzählt? In Tschernobyl soll ein solcher Rummel gerade Station gemacht. An dem Tag als die Menschheit versagte. Dort: alles gewesen und gespenstisch, Hier: alles alt und Gegenwart. Die Stadt des Traumas ist weit weg und doch mit diesem Land auf ewig verbunden.

Ich stapfte behutsam zum Riesenrad. Kaum zu glauben, dass seine Räder sich noch drehen sollten. Ob sich auch hier einst Männer in Trenchcoats trafen um in Schwarzweiß ihre Freundschaft zu Feindschaft werden zu lassen? Sowjetische Agenten in der unversehrten österreichischen Stadt. Dieser Film wurde wohl nie gedreht. In meinem Kopf spielte hier das Finale an einem eisigen Wintertag 1948.
Nichts dreht sich, nichts gibt einen Ton von sich. Im Park die ersten Spaziergänger. Ich wusste ich würde wiederkommen an einem Sonntag mit Besuchern, Eis, Kaffee und Kuchen. Und vielleicht einem Fahrgeschäft.
andrzej kruzel - 15. Nov, 13:52





