Stadtgeburtstag

Ich sah Luftballons in allen erdenklich grellen Farben im Sonnenschein des Stadtfestes von Czernowitz. Ein 605 er Geburtstag sollte gefeiert werden. Eine Stadt die manchmal nicht viel mehr als ihre Geschichte aufzuweisen hat, im Ranking der Geschichte ein auf und ab. Prädikat: So und so viele Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle, Nabel der Welt für wenige Augenblicke. Das untergegangene einer multiethnischen Kulturmetropole von Anno dazumal, als man sich im Lichte eines Kaisers sonnte und gleich die Universität nach ihm benannte.
Heute also Stadtfest einer ukrainischen Stadt. Riesige Zuckerwatte, Popcorn, auf der Bühne russische und ukrainische Lieder, von Liebe handelnd, wahlweise mit Discosounds oder traditionellen Musikinstrumenten unterlegt, nach deren Namen ich meine ukrainischen Begleiter nicht zu fragen traute. Auf dem türkischen Platz erstreckte sich zu ehren des Tages ein Markt. Honigwein und Folklorekleidung, Handwerk und Delikatessen, als hätte man mich schon jetzt für die im Dezember fehlende Adventszeit entschädigen wollen. Des Abends ein Feuerwerk. Zu niedrig schienen die Raketen in den Himmel zu schiessen. Man glaubte die Funken greifen zu können. Und doch erhaben. Die gelben Busse fuhren an jenem Tag nicht. Voll mit Farbtupfern des grell bunten Tages der Nachhauseweg zu Fuss und zum ersten Mal seit langem Sterne in der Stadt gesehen. Ich träumte noch später vom Hellen, Grellen und Bunten, den Trachten und der Musik. Herzlichen Glückwunsch Czernowitz sagte ich dann in Gedanken. Mit 605, da fängt das Leben erst an.
andrzej kruzel - 10. Okt, 10:03

