Czernowitz

Dienstag, 29. Oktober 2013

Der Jubelant

Herr Salat überlegte in der Marschrutka zu jubeln. Er tat dies keineswegs hastig, sondern begann das Für und Wider eines fröhlichen Ausbruchs abzuwägen. Der gelbe Bus, in dem Herr Salat stand, bewegte sich nur langsam durch die hügeligen Straßen der Stadt sodass von Eile keine Rede war. Nur das routinierte Weiterreichen der kleinen Scheine bis zum Fahrer und die Weitergabe der Tickets bis in die hintersten Winkel des vollen Busses unterbrachen hin und wieder seine Gedanken. Erst vor zwei Minuten hatte Herr Salat sein Ticket erhalten. Er hatte es endlich in der Hand. Zuerst hatte er es kaum glauben können, als er die 6 Zahlen auf dem Ticket zusammenzählte und die Summe der ersten drei Zahlen mit der Summe der folgenden drei Zahlen übereinstiimmte.
Seit einem Jahr fuhr Herr Salat nun in dieser verwunschenen Stadt jeden Morgen zur Universität in der Residenz. Als international geachteter Ornithologe war er dort gern gesehen und konnte seine fünfbändige Arbeit über die Vielfalt der Vogelpopulation in der Bukowina zu Zeiten Kaiser Franz Josephs in aller Ruhe fortführen. Er hatte es gut wenn er zufrieden über die Wiederentdeckung eines seltenen Käuzchens Mittags zu Sunitschka ging. Dem Restaurant, in dem man seinen Namen kannnte und ihm ohne Worte das Wiener Schnitzel mit Kartoffelpüree und Kapusta bereitete, als wäre er gerade von der Schule gekommen und als wäre die Wirtin mit ihren dicken Brillengläsern seine Mutter. Er hatte eine schöne Wohnung in der Unterstadt, drei grosse Zimmer für sich. Morgens stand er mit seiner Tasse entkoffinierten Kaffees auf dem Balkon und schaute auf die geschäftige Strasse, durch die jeden Morgen pünktlich um acht der alte Skoda Trolleybus fuhr, der ihn an seine Zeit in Prag denken lies. Auch jetzt noch im Herbst erlaubte das aussergewöhnlich milde Wetter dieses so lieb gewonnene Ritual.
Andere Menschen kannte Herr Salat kaum. Er schätzte seine ukrainischen Kollegen und versuchte sogar mit seinem wenigen Englisch und einer Mischung aus Slowakisch und Russisch hin und wieder ein Fachgespräch. Auch mit seiner Nachbarin war Herr Salat eines abends ins Gespräch gekommen, als deren Katze sich in seiner Wohnung verlaufen hatte. Sie lachte als er ihr seinen Namen übersetzte und hinzufügte trotz seines Namens keineswegs einen höheren Salatkonsum aufweisen zu können. Diesen Witz machte er seit seinen Studienjahren in Passau. Seidtem waren dreissig Jahre vergangen.
Es war also alles irgendwie gut. Und doch wünschte sich Herr Salat insgeheim, dass ein Funken des Zaubers dieser Stadt eines Tages auf ihn übergehen möge. Die Sache mit dem Glücksticket hatte er in einem Bericht eines geschätzten österreichischen Kollegen gelesen. Obwohl ihm die Beschreibung solcher Banalitäten im Rahmen eines Fachbeitrags zuwider war, dachte er auf dem Weg zur Universität desöfteren an dieses scheinbar so nahe Glück.
Der Bus fuhrüber den Zentralplatz, bog am Schewtschenkodenkmal in die Strasse zur alten Synagoge ein und steckte fest. Herr Salat hielt das Glücksticket fest in der Hand. Er schloss die Augen und dachte an seinen sehnlichsten Wunsch. Der Bus fuhr wieder an. Gleich würde es in die Universitätsstrasse gehen.
Herr Salat versank in seinem Wunsch. Hin und wieder reichte er noch Geld nach vorne, das man ihm von hinten in die Hand drückte. Hatte ihm nicht vor langer Zeit einmal ein Freund aus Pennsylvania gesagt das Jubeln sei ein Ausdruck der Verzweiflung? Nein verzweifelt war Herr Salat nicht. Aber jetzt, genau in diesem Moment viel ihm ein was es war. Er war glücklich.
Herr Salat vergass die Welt um sich herum, und da brach es zunächst etwas lauter, dann immer leiser aus ihm heraus. Dreimal. Juhu! Juhu. Juhu...
Der Bus war mittlerweile an der Residenz angekommen. Die Marschrutka war leer. Nur der Busfahrer, der die vielen bunten Scheine zählte, war noch da und zeigte ein kaum vernehmbares Lächeln. Herr Salat richtete sich mit einem Seufzer vor der Tür auf, zupfte seinen braunen Anzug zurecht und trat hinaus. Des abends würde er mit der Nachbarin bei Sunitschka essen gehen.

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Liebesfilm

Hochzeitspaar

Ich sah ein Hochzeitspaar in Кам'янець-Подільський (Kamianiec Podilski). Ein Kamerateam filmte und fotografierte das Paar. Drei Maenner standen hoch oben auf einer Mauer und nahmen die beiden von dort aus auf. Braut und Bräutigam in voller Montur, ihr Kleid von schwerem Bombast, sein Anzug eher schlicht. Immer wieder küssten, umarmten, sie sich, schauten einander tief in die Augen oder verträumt in den Himmel. Dabei folgten sie der Dramaturgie ihrer cineastischen Bewacher. Im Hintergrund die Kulisse der alten Festung, die, wäre sie nicht schon vor Jahrhunderten von einem moldavischen Fürsten erdacht worden, aus einem längst verblassten Disneyfilm stammen könnte. Am Ende des geschwungenen Weges der sich hinter dem Paar erstreckt ragten die Türme, Schiessscharten und Eisengitter empor. Der Amerikaner, einer meiner Begleiter in diesen Tagen, konnte nur staunen, ob solcher europäischer Traumwelten. Einer der Kameramänner rannte immer und immer wieder auf dem abschüssigen Gelände an dem Paar vorbei, seine Kamera stossfest und schwenkbar vor seinen Bauch montiert. Eine Kamerafahrt als würde hier der Ansturm einer Horde von Komparsen auf die hölzernen Mauern Troias gefilmt. Tatsächlich trafen sich hier der Traum einer Hollywoodhochzeit und der Traum des feudalen Europa. Moldavische Fürsten und Steven Spielberg. Auf dass ein unvergesslicher Liebesfilm entstand. In Кам'янець-Подільський.

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Stadtgeburtstag

Stadtfest-2

Ich sah Luftballons in allen erdenklich grellen Farben im Sonnenschein des Stadtfestes von Czernowitz. Ein 605 er Geburtstag sollte gefeiert werden. Eine Stadt die manchmal nicht viel mehr als ihre Geschichte aufzuweisen hat, im Ranking der Geschichte ein auf und ab. Prädikat: So und so viele Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle, Nabel der Welt für wenige Augenblicke. Das untergegangene einer multiethnischen Kulturmetropole von Anno dazumal, als man sich im Lichte eines Kaisers sonnte und gleich die Universität nach ihm benannte.

Heute also Stadtfest einer ukrainischen Stadt. Riesige Zuckerwatte, Popcorn, auf der Bühne russische und ukrainische Lieder, von Liebe handelnd, wahlweise mit Discosounds oder traditionellen Musikinstrumenten unterlegt, nach deren Namen ich meine ukrainischen Begleiter nicht zu fragen traute. Auf dem türkischen Platz erstreckte sich zu ehren des Tages ein Markt. Honigwein und Folklorekleidung, Handwerk und Delikatessen, als hätte man mich schon jetzt für die im Dezember fehlende Adventszeit entschädigen wollen. Des Abends ein Feuerwerk. Zu niedrig schienen die Raketen in den Himmel zu schiessen. Man glaubte die Funken greifen zu können. Und doch erhaben. Die gelben Busse fuhren an jenem Tag nicht. Voll mit Farbtupfern des grell bunten Tages der Nachhauseweg zu Fuss und zum ersten Mal seit langem Sterne in der Stadt gesehen. Ich träumte noch später vom Hellen, Grellen und Bunten, den Trachten und der Musik. Herzlichen Glückwunsch Czernowitz sagte ich dann in Gedanken. Mit 605, da fängt das Leben erst an.

Freitag, 4. Oktober 2013

Stadt der Huegel

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Ich sah die Totenhalle des alten juedischen Friedhofs von Czernowitz. Nur der Davidstern auf dem rostigen Dach ist noch golden, darunter alles vergangen. In Gedanken die ganze Lebendigkeit des Friedhofs in Weissensee. Sollte ich eine Kippa tragen? Ich bedeckte meinen Kopf mit einer Muetze. Links vom Eingang ist der Boden merkwuerdig neu. Dort ist eine kleine Kapelle,vor der sich zwei alte Menschen bekreuzigen bevor sie eintreten und dort verweilen. Was wollen sie an einem solchen Ort,an einem Sonntag im September. Gedenken sie den Toten der anderen Konfession? Auch meine Begleiter und ich sind Gaeste hier, getrieben von der Neugier nach dem Vergangenen, von dem wir schon so viel gehoert hatten. Dort oben zwischen den Graebern der schoenste Blick auf die Stadt, die nun fuer kurze Zeit mein zu Hause ist und die als Chernivtsi fortlebt. Dort ist das Leben, und so laesst es sich aushalten auf dem Grabhuegel der alten Stadt. Vergessen ist dieser Ort nicht und ich werde zurueckkehren um auf Czernowitz zu schauen.

Montag, 30. September 2013

Ich sah und hoerte von Czernowitz

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Ich sah und hoerte von Czernowitz. Dem Ort, den sie die Stadt der toten Dichter nennen. Nun bin ich hier. Ein halbes Jahr lang fliegen die Tage. Durch die letzten Winde des Sommers, durch einen kurzen Herbst und einen langen Winter.

Ich werde sehen und hoeren

Und davon schreiben.

Fliegende Tage

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